Perfektionismus: Fluch oder Segen?

Luise Knecht
von Luise Knecht

Attraktiver, sportlicher, erfolgreicher – der Trend zu Selbstoptimierung und Makellosigkeit hat die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts fest im Griff. Übertriebenes Streben nach Perfektion – wie Perfektionismus laut Duden definiert wird – mag zunächst den Anschein einer positiven Eigenschaft erwecken. Welcher Arbeitgeber erfreut sich nicht an hochmotivierten Mitarbeitern, welche danach streben, möglichst jede Aufgabe optimal zu lösen? Perfektionismus kann jedoch auch seine Schattenseiten haben: Einer Studie von Alexander Proudfoot Consulting zufolge kostet Perfektionismus Unternehmen jährlich 26 Arbeitstage pro Mitarbeiter und insgesamt 135 Milliarden Euro. Ein Grund dafür ist, dass sich nach Perfektion strebende Personen oft zu lange mit Details aufhalten und es ihnen schwerfällt, Arbeitsschritte abzuschließen. Doch damit noch nicht genug: Perfektionismus kann außerdem das Risiko für gesundheitliche Beschwerden erhöhen, was wiederum krankheitsbedingten Ausfall von Mitarbeitern und damit verbunden noch mehr Kosten nach sich zieht.

 

Facetten des Perfektionismus

Zunächst ist es wichtig, den funktionalen („gesunden“) vom dysfunktionalen Perfektionismus abzugrenzen. Grundsätzlich ist es keine schlechte Eigenschaft, Aufgaben optimal lösen und Höchstleistungen bringen zu wollen. Funktionale Perfektionisten streben, meist intrinsisch motiviert, nach Perfektion, wissen jedoch auch, dass ihre hochgesteckten Ziele nicht immer erreichbar sind. Sie haben ein hohes Selbstvertrauen, das nicht ausschließlich von ihrer Leistung abhängt und wenn Fehler passieren, können sie damit gut umgehen – alles Eigenschaften, welche sie für ein Unternehmen zu einem sehr wertvollen Mitarbeiter machen. In der Psychologie fasst man diese Charakteristika unter dem Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit zusammen.

Dysfunktionale Perfektionisten dagegen neigen dazu, ihr Selbstwertgefühl vor allem an ihrer Leistung und der Anerkennung durch andere zu messen. Meist extrinsisch motiviert wird deshalb versucht, Fehler gänzlich zu vermeiden und Perfektion zu erreichen. Da dies ein nahezu unmögliches Unterfangen darstellt und selten gelingt, sind dysfunktionale Perfektionisten oft unzufrieden mit ihrer Leistung. Sie stehen permanent unter hoher Anspannung.

 

Begünstigende Faktoren für dysfunktionalen Perfektionismus

Abhängig vom Zusammentreffen bestimmter Faktoren kann dysfunktionaler Perfektionismus mehr oder weniger großen Schaden anrichten. Problematisch wird es, wenn dysfunktionale Perfektionisten auf ein hohes Arbeitsvolumen treffen. Während manche Menschen unter Druck und Zeitmangel zu Höchstleistungen auflaufen, kann ein hohes Arbeitsvolumen bei Menschen mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst schnell für Überforderung sorgen – ganz besonders, wenn dieser Zustand über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten wird.

Auch fehlende Wertschätzung seitens Vorgesetzter kann sich bei dysfunktionalen Perfektionisten äußerst negativ auswirken. Wie bereits beschrieben, werden dysfunktionale Perfektionisten vor allem von ihrem Bedürfnis nach Anerkennung angetrieben. Bleiben Lob und Wertschätzung aus, kann dies bei dysfunktionalen Perfektionisten zu unverhältnismäßigen Anstrengungen führen.

Eine Lebenskrise - wie z. B. Trennung oder Tod - kann die negativen Auswirkungen von dysfunktionalem Perfektionismus ebenfalls noch verstärken. Oft wird die Arbeit in einer solchen Phase als Ablenkung erlebt. Das Arbeitspensum zu erhöhen, scheint zunächst das eigene Wohlbefinden zu steigern. Der Qualität der Arbeitsleistung ist dies allerdings nicht zuträglich, was wiederum zu Unzufriedenheit und zusätzlichem Stress bei dysfunktionalen Perfektionisten führt.

 

Auswirkungen von dysfunktionalen Perfektionismus

Dysfunktionaler Perfektionismus kann sowohl den Betroffenen selbst als auch seinen Arbeitgeber beeinträchtigen. Überanstrengung und Stress erhöhen das Risiko, psychisch und / oder physisch zu erkranken. Eine besondere Gefährdung geht hier von einer Depression beziehungsweise Burn-out aus. Auch steigt die Wahrscheinlichkeit für körperliche Leiden wie beispielsweise Rückenbeschwerden oder Bluthochdruck. Letzteres kann wiederum Gefäßerkrankungen und Herzinfarkte verursachen.

Auch aus der Arbeitgeber-Perspektive kann dysfunktionaler Perfektionismus immense Nachteile mit sich bringen. Ist es die Regel, dass unverhältnismäßig viel Zeit auf die Aufgaben verwendet wird, z. B. durch das Ausbessern noch so kleiner und unbedeutender Details, bedeutet dies Opportunitätskosten. Im schlimmsten Fall erkrankt der Mitarbeiter und fällt ganz aus. Doch auch die Arbeitsatmosphäre kann darunter leiden. Dysfunktionale Perfektionisten sind oft nicht nur mit sich selbst, sondern auch ihren Kollegen gegenüber sehr kritisch. An Kollegen und Mitarbeiter werden deshalb ähnlich hohe Anforderungen gestellt, was für Frustration bei allen Beteiligten sorgen kann. Denn gerade perfektionistische Führungskräfte verlangen oft einfach „mehr“, ohne ihre Erwartungen klar zu formulieren. Eine Wertschätzung der Leistungen der Mitarbeiter bleibt damit auch aus.

 

Dysfunktionalem Perfektionismus auf die Schliche kommen

Dysfunktionalen Perfektionismus zu erkennen, ist nicht immer trivial. Mittels einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung lässt sich der Arbeitsalltag strukturiert hinterfragen: Sind Zeitdruck und Überstunden die Regel? Ist das Team unterbesetzt und betreuen die Mitarbeiter oft viele Projekte gleichzeitig? Welche Aufgaben haben die Mitarbeiter zu erfüllen und welche Aufgaben erfüllen sie tatsächlich? Welche Unterstützung leistet die Führungskraft? Anhand der Antworten lassen sich perfektionistisches Verhalten und psychisch belastende Faktoren identifizieren. Das Erkennen von Gefährdungen und ungünstigen Rahmenbedingungen ist der wichtigste Schritt zur Stärkung der Gesundheit von Mitarbeitern.

 

Dysfunktionalen Perfektionismus bekämpfen

Ist mittels einer Gefährdungsbeurteilung das Problem erkannt, ist es wichtig – sowohl als Arbeitgeber als auch als betroffener Arbeitnehmer – geeignete Maßnahmen zu definieren. Regelmäßige Erholungsphasen sowie eine Work-Life-Balance sind wichtige Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung psychischer und physischer Gesundheit. Vorschriften gibt es dazu in Form des Arbeitsgesetzes, welches die tägliche Höchstarbeitszeit auf acht, in Ausnahmephasen auf zehn Stunden begrenzt. Auch wurden in einigen Konzernen bereits Entlastungskonzepte wie das automatische Löschen von E-Mails im Urlaub oder einer E-Mail-Pause nach Feierabend eingeführt.  Ebenfalls ist es wichtig, dass Vorgesetzte klare Strukturen und Standards vorgeben. Sie sollten ihre Erwartungen hinsichtlich des Aufgabenprozesses sowie des Resultats deutlich kommunizieren. Aussagen wie beispielsweise: „Wir brauchen keinen zehnseitigen Bericht, sondern nur Stichpunkte im Umfang von ein bis zwei Seiten“ können hier hilfreich sein. Eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre sowie eine konstruktive Fehlerkultur sollten eine Grundvoraussetzung im Unternehmen sein.

Nichtsdestotrotz setzen alle diese Vorschläge nur am Symptom und nicht an der Ursache an. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann dysfunktionalen Perfektionisten neue Perspektiven aufzeigen. Der Patient lernt hier, mit Misserfolgen konstruktiv umzugehen und sich realistische Erwartungen zusetzen. Das kann das allgemeine Wohlbefinden steigern und die Freunde am Job sowie am Erbringen guter Leistungen zurückbringen – eine echte Chance für Mitarbeiter und Unternehmen.

 

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